Was taugen Vorbilder?

Ganz einfach. Nichts und alles.

Das Vorbild gehört zum Lernprozess dazu. Sei es der Maler, der alte Meister kopiert, vom Lehrer gefördert und gefordert, um Techniken zu probieren und zu verstehen. Die junge, ambitionierte Band, die sich eigentlich nur gegründet hat, um einen Sound wie Metallica oder die Beatles zu fabrizieren und natürlich mit Cover-Songs im Programm startet. Und schliesslich der Fotograf, der gesehen hat wie Newton Nacktheit kühl in Szene setzt oder Adams mit Landschaftgigantismus beeindruckt.

Als Kinder dienen uns Eltern und Geschwister, später vielleicht Freunde und Bekannte als Vorbilder. Unabdingbarer Bestandteil der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit. Was im Leben Recht ist, ist in der Kunst billig. Der entscheidende Faktor ist es den Absprung ins Ich zu finden. Den eigenen Weg, der sich vielleicht noch an Vorbildern orientieren kann, Einflüsse nicht verleugnet aber eben kein Plagiat ist.

So einfach und doch so schwierig. Vorbilder sind alles, denn ohne sie gibt es kein Lernen. Kopieren und verbessern – so funktioniert das seit Jahrtausenden. Vorbilder sind nichts, denn wenn ich mich nicht vom Kopieren lösen kann, keine eigene Kreativität und Ideen entwickle, bleibe ich eine belanglose Nummer unter Millionen-Flickr-Accounts.



6 Wortmeldungen zu “Was taugen Vorbilder?”

  1. Michael sagt:

    [klugschnack]
    “Als Kinder dienen uns Eltern und Geschwister, später vielleicht Freunde und Bekannte als Vorbilder.”
    Nochmal kurz das große Gedächtnis geprüft: http://de.wikipedia.org/wiki/Vorbild
    Ja, da stehts ja auch shcon, Bandura und Merton, hatte doch sowas noch im Kopf.

    Die Eltern als Vorbilder sind fachlich betrachtet Modelle im Sinne der Theorie des Modell-Lernens. Die Modellfunktion verschiebt sich im Laufe der kindlichen Biografie, wärend in der frühen Kindheit vor allem konkrete Handlungsmodelle nachgeahmt werden treten im weiteren Verlauf zunehmend soziale Rollenmodelle hinzu. Das ist ganz gut nachzuvollziehen wenn Kinder Familie spielen. Dabei geht es immer um Verhaltensmodelle, die nachgeahmt und eingeübt werden auf der Basis konkreter Handlungen (schimpfen, trösten, sorgen).
    Eine Erweiterung der Theorie auf stilbildende Elemente (Mode, Kunst, Musik) ist kritisch zu bewerten, jedenfalls lässt sich das aus den ursprünglichen Theorien nicht unmittelbar ableiten. Kulturelle Einflüße sind mit den zugrundeliegenden Handlungs- und Verhaltensmustern nur lose verknüpft, unterschiedliche Handlungsabläufe können durchaus zu ähnlichen Stilergebnissen führen..
    Daher erfolgt in der Regel im Kulturbereich ein Studium der Werke und in der Folge ein Studium der Techniken. Über die Reproduktion der Techniken nähert sich der Nachahmer erst wieder dem Stil des Vorbildes an. Die Vermittlung erfolgt über das Verständnis der zugrundeliegenden (technischen, historischen und kulturellen) Tiefenmuster.
    [/klugschnack]
    “Vorbilder sind nichts, denn wenn ich mich nicht vom Kopieren lösen kann, keine eigene Kreativität und Ideen entwickle, bleibe ich eine belanglose Nummer unter Millionen-Flickr-Accounts”
    Jaja, ganz böses Schicksal, ich hatte auch mal eine schwierige Kindheit. Weiss gar nicht wo ich die nach dem letzten Umzug weggepackt habe…
    Im Ernst, welchen Wert an sich haben eigenständige Ideen nochmal?
    Abgesehen davon: Bei flickr zählt die gute Kopie mehr als die eigene Idee.

    • illuminate sagt:

      Dein Kindheitstrauma tut mir natürlich Leid ;)

      Ich habe gegen gepflegten Dilettantismus und perfekte Kopierarbeit gar nichts einzuwenden. Es kann nicht nur Künstler geben. Perfekt. Die Aussage gilt für alle die sich Frau Mettners Buch kaufen (dass Du ja so liebst) und inbrünstig auf Entdeckung hoffen, aus ihrem Abkupfer-Schema aber nicht rauskommen. Ich will zwar nicht entdeckt werden (ich wehre mich auch nicht dagegen), hoffe aber trotzdem irgendwann einen Wiedererkennungswert mit meinem Stil zu erlangen. Persönliches Vergnügen und Anspruch.

      Ohne hier studientechnisch so bewandert zu sein wie Du, habe ich mir die Freiheit genommen das sozialle Rollen- und Lernmodell zu verknüpfen, auf die von Dir benannten stilbildenden Elemente. Es geht um die Grundaussage, dass uns Vorbilder ein Leben lang begleiten und normal sind. Eben auch in der Kunst. Da lass ich mal fünfe gerade sein und erlaube mir ungeniert wissentschaftlichen Dilettantismus :D

  2. Michael sagt:

    Jaja, das Buch von Dr. Mettner. Muss ich mir das noch kaufen?
    Mal sehen, evtl. werde ich da noch schwach. Und seis nur um wirklich was zu mosern zu haben…
    Was wollte ich sagen? Ach ja, jetzt weiss ichs wieder.
    Vorbilder sind dazu da gerupft zu werden oder zumindest möchte ich gerne ein bisschen mehr sehen als nur den Künstler und sein Werk. Der Mensch zählt und da sind oft ganz interessante Diskrepanzen. Annie Leiboviz ist pleite? Ansel Adams schlampt und schmeisst die Notizen zu seinen Belichtungen weg?
    Selbstironie ist für mich ganz wichtig, sie hilft uns, uns nicht allzu ernst zu nehmen. Das kannst Du ja ganz gut, wenn ich die Berichte zu Deinen Filmexperimenten lesen kichere ich immer ganz munter mit.
    Können die großen Vorbilder das?
    Für mich ist jede Beschäftigung mit Kunst ein Weg zur menschlichen Weiterentwicklung, nicht zur persönlichen Entwicklung. Oder wie Karotte sagen würde: Es gibt einen Unterschied zwischen persönlich und wichtig.

  3. Tom (C:= sagt:

    Ich bin zugegebenerweise noch nicht über die Phase des Kopierens hinweg (was das Fotografieren angeht). Wobei die Anwendung von etwas Gelerntem von anderen ja auch als Kopieren empfunden werden kann, während der Kopierer sich selbst gar nicht bewusst ist, dass er kopiert.
    Am schlimmsten finde ich aber die, die sich nur noch selbst kopieren und das für einen eigenen Stil halten.

    VG, Tom (C:=

  4. Wer nie kopiert hat, weiß auch nichts über seine eigenen Unzulänglichkeiten.
    Ich gebe zu, auch ich habe schon kopiert. Damals war es ein Bild von Helmut Newton.
    Hier das Geständnis in voller Länge: http://www.mktrout.de/?p=685

    Und ein weiteres Vorbild begleitet mich mein ganzes Fotografenleben lang: Yousuf Karsh
    Seine Art der Fotografie und Lichtsetzung gehört für mich in den Bereich der Unerreichbarkeit. Oft schaue ich seine Bilder an, um zu erkennen wie weit ich noch vom Großen entfernt bin.

    Der Liste könnte ich jetzt noch einige Namen hinzufügen. Vielleicht braucht es große Vorbilder, um seine eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und dadurch Ansporn und Selbsterkenntnis zu bekommen. Vor zwei Jahren habe ich mich wie ein kleines Kind gefreut, weil mir zwei Bilder gelungen sind, die durchaus einer Leni Riefenstahl zur Ehre gereicht hätten.

    Angesichts der Massen von selbstverliebten Kamerabedienern ist es schon nahezu anrührend, wenn sich Fotografierende über Vorbilder Gedanken machen. Angesichts der allgemeinen Selbstbeweihräucherung im fotografischen Bereich wundert es mich, daß überhaupt noch Weihrauch zu bekommen ist.

    • illuminate sagt:

      Ich bin noch zu wenig festgelegt, um wenige konkrete Vorbilder benennen zu können. Ich schöpfe aus einem riesen Fundus von Fotografen, die ich genial finde und deren Werk für mich unerreichbar erscheint.

      Ich spare dann schon mal ein wenig, wenn bei der Verknappungssituation Weihrauchpreise explodieren ;)

Sprich Dich aus